OJC – feinhörig

Offensive Junger Christen

Die 68er in der Offensive

Die OJC-Gründergeneration erzählt von den Anfängen

24.06.2026 52 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Offensive Junger Christen hat ihre Wurzeln in der Kulturrevolution der 68er. Damals empfanden junge Menschen die Welt auch schon als Ort von Krisen und Katastrophen. Die OJC bot Antworten auf ihre Fragen. Sechzig Jahre später spricht Silas Wolfsberger mit dieser Gründergeneration, gräbt in den Archiven und stellt fest: Die Antworten von damals sind hochaktuell! Fünf Mitarbeiter der Gemeinschaft die schon ganz am Anfang dabei waren geben tiefe Einblicke in Beginn, Zerbruch, Versöhnung und Wachstum einer besonderen Gemeinschaft. 

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Die Offensive Junger Christen – OJC e.V. ist eine ökumenische Kommunität innerhalb der Ev. Kirche, die sich für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft einsetzt.

Transkript

O-Ton 68er: An deutschen Universitäten wächst die Unruhe der Studenten. Es bahnt sich eine Radikalisierung bestimmter Gruppen an. Das Fernsehen macht hier so eine scheißliberale Sendung. Wir haben hier die Möglichkeit, sozialistisch zu quatschen. Und was passiert objektiv, an der Unterdrückung ändert sich überhaupt nichts. Deswegen mache ich jetzt hier diesen Tisch mal kaputt. Die gehören ins Arbeitshaus, beziehungsweise mit Knüppeln und hier runterjagen. Anders sind die gar nicht mehr groß zu kriegen. Bei allenfalls hat sowas nicht gegeben. Der heutige Faschismus steckt in der Gesamtheit der bestehenden bürgerlichen Institutionen und im Staatsapparat. Den Letzteren zu sprengen, ist unsere Aufgabe und daran arbeiten wir. Silas Wolfsberger: Herzlich willkommen bei Feinhörig, dem Podcast für Glaube, Gemeinschaft und Gesellschaft. In dieser Folge mache ich etwas, was meine Generation dringend tun muss. Ich rede mit Menschen, die deutlich älter sind als ich. Nämlich mit der Gründergeneration der Offensive Junger Christen, der Kommunität, bei der auch ich mich bemühe, ein offensiver junger Christ zu sein. Die fünf Menschen, die in diesem Beitrag zu Wort kommen, haben die wilden Proteste der 68er hautnah miterlebt. Sie alle hatten damals fundamentale Fragen. Das Wirtschaftssystem, der Umgang der Eltern mit der NS-Vergangenheit, der Vietnamkrieg, all das hat auch damals schon für ein Gefühl von Multikrisen gesorgt. Soweit ich das beurteilen kann, gar nicht so anders wie heute. In diese Situation hinein haben diese damals jungen Menschen ausgerechnet das Leben in christlicher Gemeinschaft als Antwort auf ihre Fragen gefunden. Fünf von ihnen haben mir davon erzählt. Ich bin Silas Wolfsberger. Verschaffen wir uns erstmal einen näheren Eindruck der revolutionären 60er und 70er Jahre. Elke Pechmann: Es ging nicht um innere Befindlichkeiten, sondern es ging um existenzielle Fragen der Gesellschaft. Und da waren wir natürlich auch geprägt. Das hat unser Leben ausgemacht, unser Studium ausgemacht. Silas Wolfsberger: Das ist Elke Pechmann. Mit ihrem Mann Ralph, der auch noch zu Wort kommen wird, lebt sie seit den 70er Jahren in der OJC. Sie war lange die Pressesprecherin der jungen Offensive. Maria Kaißling: Ich wollte eigentlich eher eine Journalistin wie die Ulrike Meinhof werden. Die hat mich total inspiriert und beeindruckt. Silas Wolfsberger: Das ist Maria Kaißling. Sie gehört wirklich zu den Allerersten, die damals dabei waren. Und sie war maßgeblich daran beteiligt, das „Haus der Hoffnung“ in Greifswald mit aufzubauen. Heute eine der Außenstellen der UJC. Elke Pechmann: Es waren ja noch die Demonstrationen, die noch liefen. Es waren die heftigen Auseinandersetzungen an der Uni. Maria Kaißling: Ich war ja in einer kleinen K-Gruppe organisiert. Also das waren die Marxisten, die Maoisten. Silas Wolfsberger: Die Berichterstattung von damals lässt das Gefühl an den Universitäten so klingen. O-Ton 68er: Die SDSler demonstrieren nicht nur, sie studieren auch. Marx zum Beispiel, Lenin oder auch Mao. Wo immer Studenten sich versammeln, agitiert der SDS. Flugblätter, Pressegespräche, Podiumsdiskussionen und Vorträge gehören in jedes Semesterprogramm. Maria Kaißling: Damals war ich 23. Ich studierte Pädagogik und Jugendpsychologie und hatte aber die meiste Zeit wohl mit Demonstrationen und politischen Agitationen verbracht. Ralph Pechmann: Wir müssen ganz schnell was ändern. Die Dringlichkeit war da, aufgrund der Erfahrungen des Dritten Reichs. Aber die Umsetzung in die Wirklichkeit war meistens eigentlich mit der Forderung an die anderen verbunden und nicht an die eigene Veränderung in meinem Leben. Silas Wolfsberger: Das ist Ralph Pechmann, damals junger Lehrer und einer der Intellektuellen, die sich damals an den Demos beteiligt haben. Elke Pechmann: Wir haben ja alle von gesellschaftlicher Veränderung geträumt und das wird alles besser. Und die RAF war damals sehr aktuell und ich dachte auch, ja, es braucht martialische Umwälzungen. Es braucht tatsächlich den bewaffneten Kampf. O-Ton 68er: Macht kaputt, was euch kaputt macht! Maria Kaißling: Erst waren es Gewalt gegen Sachen, die erlaubt wurden. Und dann war es Gewalt gegen Menschen, die erlaubt wurden. Ich war noch eine ganze Weile im weiteren Sympathisantenkreis der RAF und bin dann erst dort zurückgetreten, nachdem Freunde von meinem Bruder ihren Onkel erschossen haben. Elke Pechmann: Es ging ganz stark um Fragen der Gerechtigkeit; gesellschaftliche oder auch individuelle Gerechtigkeit Friederike Klenk: und Veränderung. Und dann zunehmend auch Frieden. Silas Wolfsberger: Aufmerksame Hörer erkennen Friederike Klenk wieder. Auch sie hat sich in jungen Jahren mit ihrem Mann der Gemeinschaft angeschlossen und ist dabei geblieben. Ralph Pechmann: Also die Euphorie, die anderen müssen sich schnell verändern. Und wir wissen, warum sie ganz schlecht sind. Das hat zwar eine ungeheure Wirkung für dich gehabt, aber es hat keine Lösung gebracht. Maria Kaißling: Ich war damals schon bereit, mein Leben wegzuwerfen, weil ich dachte, also älter als 30 will ich sowieso nicht werden. Ich dachte, ich habe so alles mehr oder weniger erlebt, was es zu erleben gibt in diesem Leben. Und was soll ich da so langweilig weitermachen? Also das klingt witzig heute, aber das war mir damals ganz ernst. Und ich hatte einen Freund, wir sind stundenlang durch die Gegend gefahren und haben uns Brückenpfeiler oder dicke Bäume angeguckt, an die wir uns mit dem Auto dran knallen könnten. Es war ein Spiel, immer noch, aber übel. Ich würde ohne diese anderthalb Jahre Jahresmannschaft gar nicht mehr leben. Ralph Pechmann: Die Illusion, zu glauben, wenn ich zwei Antworten gefunden habe, springe ich aus meiner persönlichen Frage heraus und kremple sofort die Ärmel hoch, um gesellschaftlich wirksam werden zu können, das war wahrlich eine Illusion. Es braucht viel mehr Zeit, sich innerlich seinen Fragen zu stellen und diese Fragen so zu verarbeiten, dass sie mich konstruktiv machen für einen Alltag unter anderen Menschen. Die gesellschaftliche Dynamik, die sich damals gezeigt hat, hat sich mit solchen längeren Wegen nicht gerne abgeben wollen, sondern es musste alles viel schneller, viel effektiver vorzeigbar sein, als es die Wirklichkeit unseres menschlichen Vermögens am Ende eigentlich ist. Also unter der Frage, was nützt es, die Strukturen der Gesellschaft zu verändern, wenn sich das Herz des Menschen nicht ändert. Wenn ich down bin, bremst es mich eigentlich, ein Täter der Gesellschaft zu sein, in der Gesellschaft mitzuwirken. Und insofern war also das Überwinden innerer Hemmschwellen mit dem Ziel verbunden, wirksam zu werden. Silas Wolfsberger: Studenten betätigen sich aktivistisch und prügeln sich mit der Polizei. Eine ganze Generation begehrt gegen das politische Establishment auf. Dynamische Zeiten kann man sagen. Aber manche der jungen Revolutionäre merken irgendwann, dass gute Fragen nicht immer mit guten Antworten einhergehen. Und dann stoßen sie auf eine komische Gruppierung. Oder damals vielleicht eher noch lose Bewegung. Friederike Klenk: Wir waren ja alle nicht wirklich dabei, aber da war ein Ehepaar, die beruflich im CVJM ganz engagiert gelebt haben, immer schon offen waren für Studenten, die sie in ihren Häusern begleitet haben, mit einem weltweiten Horizont, der ihnen zugewachsen ist im Laufe von fünf oder zehn Jahren. Und mit diesem offenen Horizont haben sie im Alltag mit ihren eigenen fünf Kindern versucht zu gucken, was läuft ab, was wird gebraucht, was brauchen die Studenten, was brauchen unsere Kinder und haben dabei gemerkt, wie gesellschaftliche Auseinandersetzungen immer mehr aufeinander prallen. Am Ende war es so ein bisschen Kirche und Moral beiseite legen und jetzt endlich mal Veränderung schaffen und Neues. Und die anderen waren, nee, wir sind überhaupt nicht in der Lage zu irgendwelchen Auseinandersetzungen, wir ziehen uns zurück und die Christen verbunkerten sich. So in diese Spannung hinein haben Hofmanns über Jahre gebetet in einer Sorge um Deutschland. Und in diesem dem Geist Gottes gegenüber offenes Beten und Suchen kam plötzlich dieser Impuls, wir müssen unbedingt persönlich ins Gespräch mit den jungen Unzufriedenen in unserer Welt kommen, in Deutschland. Silas Wolfsberger: Im Originalton des OJC-Films von 1979 klingt das mit passender musikalischer Unterlegung so. O-Ton 68er: Wie die nächste Generation weiterleben kann, beunruhigte viele. Auch Horst Klaus Hoffmann, damals Generalsekretär eines Großstadt-CVJM. Eines Morgens kam ihm in der Stille vor Gott der klare Gedanke: Schafft und schult eine geeinte, revolutionäre Mannschaft, die Menschen von Gott abhängig macht und in der Welt die brennenden Probleme wirksam anpackt. Friederike Klenk: Und dann kamen alle Reden von Revolution, wir auch. Wir laden ein. Und es waren letztendlich ein Professor, ein Pfarrer, die Marienschwestern, Hofmanns haben zu einem offenen, kritischen Dialog eingeladen. Und wir alle waren am Ende Eingeladene. Und so kam es zur ersten Schüler- und Studentenkonferenz. Und diese Konferenz sollte einmalig sein. Maria Kaißling: Ja, und dann kam ich dahin, auf das Gelände der Marienschwestern, zu dieser Tagung, wo sich ein paar Erwachsene dem rückhaltlosen Dialog stellen wollten, wie das damals hieß. Und fand es auch ganz interessant so im Großen und Ganzen. Aber mich hat es dann erwischt, mitten in einem Vortrag über Hochschulpolitik, und mittendrin sagte der Horst Klaus Hofmann, aber die wichtigste Frage überhaupt an diesem Wochenende ist, nimmst du die Freundschaft Jesu an? Und dann sprach er wieder über Hochschulpolitik. Ich dachte, was ist denn das Merkwürdiges? Wieso Freundschaft mit Jesus, der ist seit 2000 Jahren tot? Wie kann man da Freundschaft haben? Aber das ist ja manchmal so, da trifft dich eine Frage oder eine Aussage und die hängt sich in dir fest und du kriegst die nicht mehr einfach los. Das hat mich also die nächsten Stunden dauernd beschäftigt, was heißt das? Was meint er überhaupt? Und wieso sagt er mitten in diesem politischen Vortrag so einen Satz? Ja, das war mal so ein erster Andockpunkt. Heute würde ich sagen vom Heiligen Geist. Friederike Klenk: Dann kam auf dieser Konferenz es zu dem, was man heute im Rückblick einen geistlichen Aufbruch nennt. Ein Durchbruch des Heiligen Geistes, nämlich nach anderthalb Tagen reden, verkünden, Zeugnis geben, beten, singen, diskutieren. Nach all dem kam es am Ende zu einem Gespräch unter den Mitarbeitern, die gesagt haben: Jetzt haben wir alles gegeben, was wir haben, aber nichts passiert. Und dann hat einer von denen in diesem kleinen Mitarbeiterkreis angefangen und gesagt, ich muss zuallererst mal selber bekennen, Horst Klaus, ich beneide dich wahnsinnig, weil du so gut reden kannst und mir fällt es so schwer. Es tut mir aufrichtig leid, mein Neid blockiert mich. Plötzlich haben sie da untereinander Sachen ausgesprochen, die einfach blockiert haben. Und als sie aus diesem Gespräch rausgingen, haben sie immer wieder erzählt, standen vor der Tür nicht einer, nicht zwei, eine ganze Reihe junger Männer und Frauen, die fragten: Können wir ein Gespräch mit ihnen führen? Und überall hatte der Heilige Geist etwas angerührt, angesprochen, eine persönliche Buße und Erneuerung, eine persönliche Vergebung und Heilung und Erneuerung war erwünscht. Maria Kaißling: Ich kam so in meinen Gedanken in Besinnung, mir fehlen eigentlich Freunde und Freude. Freude war ja ein suspektes Gefühl des Bürgertums, das wollten wir auf keinen Fall sein. Aber es fehlte mir einfach. Silas Wolfsberger: Achtung, gleich noch eine neue Stimme, Conny Geister. Sie war bei dieser ersten Tagung. Conny Geister: Ich war bei dieser ersten Konferenz und es war wirklich eine Berührung durch den Heiligen Geist in zwei Richtungen. Nämlich das eine, dass man erkannte, nicht nur, wo ist die Gesellschaft und sind die anderen an mir schuldig geworden, sondern wo bin ich schuldig geworden und man das gerne aussprechen und um Vergebung bitten wollte und dann auch losgeschickt wurde, um das in Ordnung zu bringen. Und das Zweite war, ganz wesentlich und lebendig wurde einem eine Freundschaft angeboten. Jesus will dein Freund sein. Geh mit ihm durchs Leben und du wirst etwas bewirken. Und das Beides hat zum Beispiel mich total erreicht. Elke Pechmann: Und damals war Bischof Engelhard da auf einer Pädagogentagung und der hat es sehr schön in Worte gefasst und gesagt, ja, die Situation ist so, wie sie oder wie andere das beschreiben. Aber es kann nie sein, dass es außerhalb der biblischen Norm zu einer Veränderung kommt. Das ist etwas, wo Jesus sagte, nein, diese Gesetze sind für euch da, also die zehn Gebote und andere. Und es soll kein Jota da weggenommen werden. Also ich fand es sehr hoffnungsvoll zu schauen, was sind denn biblische Normen. Friederike Klenk: Das war die Grundlage zum Leben. Wenn ihr die wegnehmt, dann kommt auf jeden Fall alles raus, aber nicht Leben. Maria Kaißling: Meine Ausgangsfrage war ja, wie sieht die Praxis aus zu der Theorie? Von Theorien war ich vollgestopft, aber Praxis war etwas unterbelichtet. In allen Teilen. Silas Wolfsberger: Der erste Kontakt war also für viele eine der ersten Konferenzen. Aber damals war die OJC ja noch keine Organisation. Und das war damals in der Form auch noch gar nicht geplant. Maria Kaißling: Also ich wäre auch bereit gewesen, zu den Marienschwestern zu gehen, aber das war mir ganz fremd, ganz fremd. Und da ich außer den Marienschwestern oder den Hofmanns niemand so näher kannte, habe ich die Hofmanns gefragt, ob es denn eine Möglichkeit gäbe, da mal zu lernen, was es heißt, dass man als Christ lebt, wo man lernen kann, wie man als Christ lebt. Friederike Klenk: Horst-Klaus Hofmann war in seiner Art als CVJM-Sekretär, Tagungen machen, Seminare machen, wollte er eigentlich eine Akademie aufbauen für junge Christen. Maria Kaißling: Ja, das Amos-Kolleg damals, genannt nach dem Propheten Amos, der ja uns linken Studenten auch nahe war, wie der Hosea oder der Micha, denen es um Gerechtigkeit ging und um sozialen Frieden. Friederike Klenk: Es war ihm ein ganz starkes intellektuelles Anliegen. Das war auch seine Gnadengabe, die Intellektuellen anzusprechen. Darum hat die OJC viel Pädagogenarbeit gemacht. Also erst Studententagungen, dann Familienpädagogik und sehr viel in Literatur, in Veröffentlichungen. Also viel Geistiges transportiert, wie aus einem Kulturchristentum erneuertes Leben rauskommt. Die OJC hat ganz stark von Horsts Charisma gelebt. Am Anfang: seine Sprachfähigkeit in der Auseinandersetzung mit dem, was die Jungen beschäftigt hat, mit seinem Wissen um kommunistische Ideen und seinem fundierten Wissen, was in der Bibel steht. Das war sehr lebendig. Maria Kaißling: Und ihm fiel dann eines Morgens im Zusammenhang mit einer Handvoll Studenten oder jungen Erwachsenen ein in der stillen Zeit, in seiner Gebietszeit. Was die brauchen, ist nicht eine Akademie, Friederike Klenk: sondern Kolonie. Also miteinander, beisammen sein. Und dieses gemeinsame Leben war zuerst mal auch gedacht und ist es ja bis heute eine Trainingszeit. Maria Kaißling: Es gibt so einen alten Spruch von einem alten Kirchenvater, Johannes Chrysostomos. Der wurde eines Tages gefragt, was würdest du denn tun, wenn ein junger Mensch zu dir käme und sagte, ich will Christ werden. Das war ja eine heidnische Umgebung damals doch. Da sagt er, ich würde ihn einladen, ein Jahr lang mit mir mitzuleben. Silas Wolfsberger: Kolonie statt Akademie also. Wobei der intellektuelle Anspruch durch diese Umstellung sicher nicht verloren gegangen ist. Und dann ging es richtig los mit dem gemeinsamen Leben. Maria Kaißling: Ja, das sah dann so aus, dass wir morgens um sechs Uhr aufstehen mussten, um eine Morgenandacht miteinander zu feiern und dann eine Stunde stille Zeit zu halten. Danach gab es einen kurzen Austausch. Parallel lief ja die Familie Hofmann mit ihren sechs Kindern, die in die Schule mussten. Und nachdem so einige Haushaltsarbeiten erledigt waren, hat uns die Irmela um sich versammelt und jeden Morgen eine Bibelarbeit gehalten. Das war für mich, glaube ich, mit das Herausforderndste, was es überhaupt damals in meinem Leben gab. Es war wie ein Therapeutikum, also wie Medizin. Ich fühlte mich oft nach der Bibelarbeit richtig krank. Ich dachte oft, mir ist so schlecht, ich muss ins Krankenhaus. Weil mich das so getroffen hat, in meiner ganzen Auffassung, in meinem ganzen Lebensstil, alles wurde da sozusagen vom Wort Gottes her angegriffen. Wenn ich sage, Therapeutikums war natürlich auch heilsam, ganz klar, sonst wäre ich ja nicht mehr da. Friederike Klenk: Wir lebten ja dann zusammen. Junge Mütter, Männer, alle in dem Alter zwischen 25 und 35 miteinander in ihren verschiedenen Gewordensein. Also Ralph als Intellektueller, mein Mann als Praktiker. Maria Kaißling: Ja, es kamen auch immer mehr junge Leute aus geschiedenen oder gescheiterten Familien. Friederike Klenk: Wo der eine den Kopf über den anderen schüttelt und sagt, wie kannst du nur? Das haben wir untereinander natürlich im Alltag erstmal so erlebt. Jeder hat auch gerade im Miteinander gemerkt, also da war auf der einen Seite das Neue, was entstanden war, die neue Hoffnung, die Zuversicht. Wir bauen eine neue Welt, aber dann im Alltag zu merken, wir alle sind geprägt, wir haben Eltern gehabt, wir haben Wunden, wir haben Ideale und Vorstellungen, die wir selber gar nicht erfüllen können. Also all diese Reinigungen und Bewegungen waren ein Teil des gemeinsamen Lebens, wobei es darum ging, nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren, wirksam zu sein. Die Hoffnung hinaus zu tragen, Gott hat was vor. Maria Kaißling: Und wir wollten damals eigentlich jung und flott, wie wir waren, die Millionen der Welt erreichen. Kleiner ging es nicht. Wir hatten sehr, sehr viele ausländische Gäste von Anfang an. Durch die Zusammenarbeit von Hofmanns mit der Moralischen Aufrüstung (MRA) in der Schweiz waren wir im Grunde verortet in einem Welthorizont. Also wir dachten an die Welt, das war ja vorher schon so und jetzt halt sozusagen auf der Seite des Siegers. Ralph Pechmann: Ja, und dass dieser große Horizont im kleinen Alltag der OJC sich schon anfänglich verwirklichen sollte und das auch immer wieder gelungen ist. Und ich denke, das war das Wesentliche, dass wir also nicht nur vom großen Horizont als Ziel gelebt haben und darüber nachgedacht haben, sondern das alltägliche Leben hier miteinander, beim Frühstücken, bei der Arbeit, in völlig unerwarteten Konfliktsituationen, immer wieder zu merken: wir sind hier gefordert, in einer gewissen Aufrichtigkeit zu lernen, miteinander so zu leben, dass wir nicht nur lächeln übereinander und unsere Gedanken haben, sondern dass wir in der Aufrichtigkeit auch beieinander stehen und miteinander wirksam sein wollen. Das hat sich im Kleinen hier immer wieder als Herausforderung aufgebaut. Maria Kaißling: Diese Revolution der Liebe, der Liebe Gottes für diese Welt, das hat mich doch ziemlich vom Kopf auf die Füße gestellt. Und das hatte natürlich dann auch Konsequenzen in meinen Beziehungen. In meinem Denken ging es ein bisschen langsamer. Ralph Pechmann: Ich kam in die OJC, habe im Institut gearbeitet von vornherein und bin während dieser Arbeit auf die Grundkonflikte mit meiner Familie gestoßen. Conny Geister: Mir ging das damals so auf, wenn ich mir Frieden zwischen den Völkern wünsche, dann kann ich nicht im Krach mit meinem Vater leben. Dann ist die Frage, wie bekomme ich Frieden in meinen familiären Beziehungen, zu meinem Nächsten und dass es da Verbindungen gibt, das war mir damals ein ziemlicher Augenöffner. Silas Wolfsberger: Und natürlich kann es für die offensiven Revolutionäre nicht bei der persönlichen Umkehr bleiben. Elke Pechmann: Ja, und das war das spezifische Angebot der OJC, die Frage, nämlich die Veränderung des Herzens. Aber nicht jetzt, um sich bequem zurückzulehnen und zu sagen, ja, das reicht mir jetzt, wenn ich jetzt im Frieden mit mir bin, sondern dass es eine Auswirkung hatte auf Kirche und Gesellschaft. Gott liebt uns, also auf der persönlichen Ebene, aber er liebt die Menschheit, er liebt diese Welt und er möchte, dass das Leben gelingt. Nicht nur bei uns, sondern im Zusammensein, im gesellschaftlichen Kontext. Friederike Klenk: Also wir wollten Vergebung nicht, um hinterher sauber zu sein, sondern um in den Fluss dieser Wirksamkeit hineinzukommen. Maria Kaißling: Peter Howard schreibt so einen Satz, der hat uns auch inspiriert. O-Ton 68er: Die Freibeuter sind Tag und Nacht unterwegs, entschlossen, das Eigentum Gottes von der modernen Welt zurückzugewinnen. Sie greifen nach einer Revolution, durch die Gott zu einer größeren Autorität für jeden einzelnen Menschen wird. Maria Kaißling: Wir wollen das Eigentum Gottes von der modernen Welt, die es gestohlen hat, zurückgewinnen. Und dazu alles dem Ziel unterordnen. Sich dazu auch verändern. Mehr wie Christus werden. Friederike Klenk: Raum zu schaffen, jeweils zu begreifen, Gott hat was vor mit uns. Gott braucht uns, um Leben zu ermöglichen, um Gutes zu ermöglichen in unserem Umfeld. Conny Geister: Wie kommt Glaube so ins Leben, dass es sich im Leben des Einzelnen und dann seiner Familie und dann drüber raus in der Gemeinde und wenn es dann Kreise zieht, weiter auswirkt. Silas Wolfsberger: Dass nur veränderte Menschen in der Gesellschaft wirksam werden können, ist ein ganz zentrales Motiv im stetig wiederholten Grundvokabular der OJC. Sogar das vielleicht wichtigste Bild der Gemeinschaft, der römische Brunnen, hat seinen Ursprung in dieser Erkenntnis. Darauf müssen sich meine lieben Hörerinnen und Hörer jetzt kurz einlassen. Man google entweder römischer Brunnen oder man stelle sich einen Brunnen mit drei übereinanderhängenden Schalen vor, die nach unten immer größer werden. Jede Schale fließt in die darunter über. Ein römischer Brunnen halt. Friederike Klenk: Eine der Grundlehren war sicher, die Liebe zu Gott und die Liebe zu Menschen sind zwei Türen, die entweder beide verschlossen sind, wenn die eine sich öffnet, öffnet sich auch die andere. Also das sind irgendwie verbundene Gefäße. Elke Pechmann: Wir hatten später den römischen Brunnen als Sinnbild dafür. Die erste Schale, in die Gott uns erfüllt oder nährt. Conny Geister: Ich habe jetzt gerade noch mal was über die ganz frühen Christen und Wüstenväter gelesen. Ihr Anliegen war ja ganz tief nur, wie lebe ich in der Gegenwart Gottes? Wie wird das mein Leben? Elke Pechmann: Dann die zweite Schale, die der Gemeinschaft. Friederike Klenk: Also wir sollten immer wieder selber in die Prüfung hineingehen, der Realität. Kann man wirklich jeden Menschen lieben? Kann das Herz von der Liebe zu einem, von der Liebe zu mehreren wachsen? Also das mussten wir ja dauernd experimentieren und nachweisen, indem wir versucht haben, beieinander zu bleiben und nicht auseinander zu laufen. Elke Pechmann: Und die dritte Schale hinaus zu den Menschen. Friederike Klenk: Die Gemeinschaft ist nicht Selbstzweck. Sie ist ein Mittel für uns als Prüfstein. Ralph Pechmann: Also der faszinierende Anfangsgedanke sind Horsts Worte, bei der viele Augen glänzten, wenn die Worte fielen, dass die Eigenlast immer geringer sein soll als die Nutzlast. O-Ton 68er: Wir sind zusammengekommen, um zu lernen, wie beim Flugzeugbau, systematisch Tag um Tag die Eigenlast zu verkleinern und die Nutzlast zu vergrößern. Und je mehr wir es versucht haben, umso mehr hat jeder von uns gemerkt, wie elend verloren selbstzentriert wir alle sind. Silas Wolfsberger: Wenn die OJCler heute von den Prozessen erzählen, mit denen damals die Nutzlast vergrößert werden sollte, dann glänzen die Augen immer noch. Aber die Eigenlast zusammenlebender echter Menschen war eben trotz großer Wirksamkeit auch da. Ralph Pechmann: Das haben wir auf uns übertragen, aber wir sind gewachsen. Aus den 40, die anfangs hier miteinander in Bensheim gelebt haben, wurden 110. Und dann bringt es zwangsläufig mit sich, dass die Nutzlast, sprich die Dynamik der Gemeinschaft sich verändert und sie braucht neue Formen des Miteinanders, der strukturellen Gestaltung, der geistlichen Gestaltung, der Führungsverantwortung. Friederike Klenk: Also die Liebe Gottes ausgegossen in unsere Herzen war sicher immer, von Anfang an bei den Hofmanns auch ganz da. Aber dann kam gleich die dritte Schale. Dann sollte es in die Welt hinaus fließen und gegossen werden. Und das hat eben nur mehr oder weniger funktioniert. Das heißt, da dazwischen hat Gott selber diese Schale eingebaut, von der wir behaupten heute im Rückblick, sie war aber nur eine Untertasse. Die war da, aber sie wurde immer ein bisschen unterschätzt. Silas Wolfsberger: Und damit sind wir dann wirklich bei den Defiziten einer offensiven Pionierzeit. Elke Pechmann: Das Tempo wurde damals sehr stark von Horst-Klaus Hofmann bestimmt, der immer wieder neue Ideen hatte, neue Projekte, neue Visionen. Und für den wir da waren, um das auszuführen. Also das war ganz klar definiert. Da liegt schon eine Faszination drinnen, wenn Menschen über ihre Grenzen gehen. Und wir sind jahrelang über unsere Grenzen gegangen. Wir haben nicht nur unser Potenzial ausgeschöpft, wir haben es ausgeleert. Und es hat natürlich was gekostet. Friederike Klenk: Die ersten Jahre, das ist auch manchmal nötig. Wenn du Pionier bist, kannst du nicht dauernd fragen, habe ich ein bequemes Bett zum Schlafen? Nur nach fünf und zehn Jahren hast du vielleicht Rückenschmerzen und dann musst du dich darum kümmern. Und ich glaube, so war es auch unter uns. Also du konntest eine Zeit lang darauf verzichten, dass der Partner da war. Aber wir haben eben auch nach Jahren irgendwann dann gemerkt, da geht auch was verloren für unsere eigenen Kinder. Oder es geht was verloren auch für unsere Beziehung an Kraft. Ralph Pechmann: Ich habe tagsüber mit den jungen Erwachsenen im Garten gestanden oder im Renovierteam und saß abends da und habe die Bibelarbeiten gemacht. Meine Frau hat gelitten, dass ich nicht da war. Maria Kaißling: Also die Arbeit der OJC hat sich auch mit dem Umzug nach Reichelsheim ausgeweitet. Das zeigte sich auch durch den Zulauf, den das im Laufe des ersten Jahres schon hatte, dass das eine fruchtbare Arbeit war. Es waren immer vollgestopfte Tagungen. Ralph Pechmann: Wir haben was gemacht, was richtig war und trotzdem war ein gewisser Wahnsinn immer so die Aura drumherum. Friederike Klenk: Die Not der Geschwindigkeit, die wurde zunehmend spürbarer, also immer größerer Druck, aber weil wir dann irgendwann den Heiligen Geist und seine Inspiration verwechselt oder vertauscht haben mit Leistung, mit Fertigwerden, mit Dies und Jenes schaffen und da was sichtbar machen und dort was tun. Ralph Pechmann: Horst dachte, wir müssen mehr arbeiten, dann kommen wir aus dem Problem raus. Und das war eine Antwort, die für die Sache nicht angemessen war. Friederike Klenk: Das viele Tun war nicht per se falsch, aber es war eben nicht alles zu der Zeit und in der Geschwindigkeit richtig. Wir haben aber so gelebt, weil es die Bremse der Wirklichkeit, die in der kleinen Schale da drin war, nicht gab. Elke Pechmann: Und ich erinnere mich noch, ich habe Horst mal gefragt, es geht nicht, es ist zu viel. Und dann sagte er, es muss immer mehr sein, als man bewältigen kann, nur so bleibt ihr von Gott abhängig. Friederike Klenk: Wenn wir die Grenzen dauernd übergehen, dann kommt irgendwann ein Rückschlag. Jeder hat seiner Biografie gemäß den Rückschlag gekriegt. Der eine wurde krank, der andere flippte aus und sagte, wenn es so weitergeht, lasse ich mich scheiden und gehe weg. Also jeder hatte eine andere Form, wie er irgendwann die Grenze markiert hat und dann umkehren musste und sagen, so geht es nicht. Wir müssen etwas Neues machen. Conny Geister: Am 14. September 2000 waren wir als Mitarbeiter so aneinander gescheitert und so am Ende, dass wir auseinandergebrochen wären. Und da hat der Heilige Geist uns noch einmal diesen Moment des Anfangs geschenkt, dass wir, einige von uns sichtbar, aber dass wir auf die Knie gegangen sind und um Vergebung gebeten haben und auch anschließend beieinander gelandet sind. Und dass wir noch einmal wie von vorne angefangen haben. Ich glaube, dass das ein Moment ist, warum es uns auch heute noch gibt. Ralph Pechmann: Diese Erschütterung hat sich, ehe sie zu einem öffentlichen Krach wurde, schon über Jahre als schwelender Konflikt dahin gezogen. Friederike Klenk: Und ich glaube, das musste aufplatzen. Und daran kam das sozusagen ans Licht. Ralph Pechmann: Aber die Folgen davon haben uns sieben Jahre Zeit gekostet. das so zu verarbeiten, dass die 23 Mitarbeiter, die sozusagen auch mehr oder weniger zur Gründergeneration gehörten, einander im Kreis sitzend anschauen konnten und sich gegenseitig zusprechen konnten, dass das Vertrauen wieder da ist. Silas Wolfsberger: Conny hat es schon angedeutet, der Heilige Geist hat einen Neuanfang geschenkt und die OJC gibt es noch. Aber auf dem Weg dahin musste sich alles in der Praxis beweisen, was man bis dahin über das gemeinsame Leben gelernt hatte. Friederike Klenk: Unsere große Buße war, ich habe geschwiegen. Conny Geister: Ich habe geschwiegen, wo ich hätte reden sollen und ich habe geredet, wo ich hätte schweigen sollen. Also eine der großen Sünden in der Gemeinschaft ist ja, übereinander statt miteinander zu reden. Wir haben da wirklich tiefe Buße getan. Durch die gesamte Geschichte der OJC ist Versöhnung ein ganz, ganz tiefer Strom. Friederike Klenk: Erstmal den Willen zu entwickeln, ich will nicht bei dem verschlossenen Herzen und bei meinem Kopfschütteln stecken bleiben oder bei meinem bösen Satz, wie auch immer, sondern dass wir immer wieder dieses Tür-Öffnen mit Hilfe, natürlich des Heiligen Geistes, mit Hilfe Jesu, Schritte gegangen sind, aufeinander zu und manchmal 20 Mal, manchmal war es schnell geöffnet, manchmal hat es Monate und Jahre gedauert, bis eine versöhnte Beziehung entstanden ist. Aber ich würde schon sagen, also die Versöhnung war der Weg, über Jahre immer wieder die Steine aus dem Weg zu räumen, die den Heiligen Geist hindern. Als Grundanliegen, das war die Erfahrung im Alltag. Wenn man miteinander dann lebt und Verantwortung trägt und Entscheidungen fällen muss und so, da macht jeder dauernd Fehler. Da konnte keiner einfach sagen, ja, also mit mir kann das Neue beginnen. Sondern wir haben alle gelernt. Maria Kaißling: Als ich damals nach Greifswald wollte, da hatte ich einen zimmeligen Knatsch. Und ich dachte, das wird mir einfach zu viel und ich will jetzt mal selber meine Ideen verfolgen oder das, was ich erkannt habe. Dann kam ganz überraschend ein Telefonanruf von einer Wiener Freundin, die sagte dann, wie geht es dir denn? Und dann sagte ich, oh, gerade gar nicht gut. Und dann fragte sie nur, wenn du jetzt gehst gegen den Willen der Gemeinschaft, dann ist das wie eine Scheidung. Überleg dir, ob du das willst. Da hatte ich schon in Weitenhagen quasi mein Zimmer. Da hätte ich schon gehen können. Aber ich wollte ja nicht in Scheidung gehen oder im Streit gehen oder wegen des Streites gehen. Das wäre gegen alles gewesen, wofür ich bisher 20 Jahre da gelebt habe. Conny Geister: Also ich habe gestern Abend mit einem der jungen Mitarbeiter ein Abendbrot gehabt und der fragte mich so, wie geht es euch Alten denn da im Miteinander? Und er war mir so als allererstes präsent, da ich dachte, wir können miteinander versöhnt leben, obwohl wir oft schwierige Zeiten miteinander erlebt haben. Und in der Tiefe ist wirklich etwas, eine Gnadengabe von Gott her an Befriedung gekommen, sodass wir richtig gut miteinander alt werden können. Maria Kaißling: Das ist ja eigentlich der Hoffnungskern der OJC-Botschaft: Gott ist uns gut und er will das Gute für uns! Und dafür können wir uns öffnen und ihm vertrauen und dann gibt es auch Wege. Die sind nicht immer angenehm, die sind nicht immer einfach. Auf diesen Wegen sind wir zusammengeblieben. Ralph Pechmann: Es war ein Segen, dass es so gekommen ist und es war eine Herausforderung, von der ich heute denke, sie hat uns alle als Mitarbeiter auch in eine ganz andere neue Wirklichkeit auch hineingeführt. Also die Eigenlast des eigenen Lebens anders ernst zu nehmen, als man es früher getan hat, aber darüber hinaus auch zu sehen, dann ändert sich auch mein Blick für die Wirksamkeit in der Gesellschaft. Es kommen zwei Dinge hinzu, die Geduld und die Treue, wo vorher die Geschwindigkeit und der schnelle Erfolg im Vordergrund stehen. Plötzlich tauchen Geduld und Treue als die Herausforderung auf, um einer Sache beständig zu bleiben. Silas Wolfsberger: Was für ein Zeugnis, dass diese Menschen heute zusammensitzen, mit mir reden und sich gut sein können. Versöhntes Leben wirklich einzuüben, das braucht ganz offensichtlich nicht nur den dynamischen Beginn zusammen, sondern immer wieder Geduld, Buße und Vertrauen. Bis zum großen Crash war die OJC eine Gemeinschaft, die vor allem für die dritte Schale gelebt hat. Die in ein paar Monaten einen riesigen Messestand für den Kirchentag zusammengezimmert hat und Projekte in aller Welt verfolgen wollte. Was ist nach diesem Versöhnungsprozess aus dem Verhältnis der Schalen geworden? Friederike Klenk: Ich glaube, manchmal wünscht man sich wieder eine Situation und sie kommt ja auch hoffentlich immer wieder. Bei Ute und Frank habe ich das in Gotha erlebt, dass sie wieder in einem Leben sind, wo sie ein Stück über ihre Grenzen dauernd hinausgehen und zwar nur für fünf Jahre. Da gibt es dann auch eine Grenze. Wir müssen alle abwägen, wann ist dieses über die Grenzen gehen richtig und wichtig und wann muss man loslassen und sagen, es kann jetzt nicht sein. Maria Kaißling: Es darf sicher ein bisschen mehr gemeinschaftsbetont sein, als wir es damals hatten. Aber wenn es nur noch Gemeinschaft ist, dann wird es ja fad. Ralph Pechmann: Und heute haben wir die Herausforderung, dass die zweite Schale der Gemeinschaft nicht größer wird als die dritte der Gesellschaft, sodass man sie nicht mehr im Blick hat. Maria Kaißling: Wir sind so groß hier und haben so viele verschiedene Sachen zu erledigen. Wir können uns jahrelang damit beschäftigen. Aber dass ich die Liebe, von der ich lebe, liebend an andere weitergebe, dazu muss ich eben offen sein für andere und nicht nur für die Gemeinschaft. Wir haben die Gaben des Geistes, damit wir es weitergeben. Silas Wolfsberger: Da ist er wieder, der Heilige Geist. Zu ihm kommen wir später nochmal. Wenn wir jetzt nochmal bei der dritten Schale, dem Auftrag der OJC sind, stellt sich mir noch eine Frage. Die OJC, die ich heute erlebe, die in Reichelsheim, einem kleinen Dorf im Odenwald, die wirkt auf mich doch sehr anders als die, von der diese Truppe hier erzählt. Die Frage nach dem konkreten Auftrag muss offenbar immer wieder neu verhandelt werden. Friederike Klenk: Ein Punkt, der mich oft selber ins Fragen gebracht hat, war, Bensheim war eine Schulstadt und OJC war eine Schüler- und Studentenarbeit. Aber irgendwann sollten die wichtigsten Häuser für uns teuer verkauft werden. Und die wollten von der OJC weit über das, was wir uns denken konnten, überhaupt zu zahlen. Und daraufhin hat die Gemeinschaft entschieden, dann gehen wir alle weg von Bensheim und dann sind wir hier in Reichelsheim gelandet. Reichelsheim ist ein Dorf. Viele von uns kommen aus Städten. Hier ist kein studentisches Umfeld. Also, das ganze soziologische Umfeld hat sich so verändert durch unseren Umzug, dass ich mich bis heute manchmal frage, was hat Gott vorgehabt, um aus uns plötzlich ein Kloster zu machen, einen Ruheort und nicht Bewegung, Aufbruch? Ralph Pechmann: In Augsburg zum Beispiel oder in anderen Städten, da kannst du ständig Themen aufnehmen, die dir die Stadt, die Gesellschaft permanent präsentiert, weil sie dir sozusagen eine Antwort abverlangt. Friederike Klenk: Es gibt einen Aufbruch jetzt in Greifswald, wieder eine Studentenstadt. Eigentlich hätten wir nach Marburg gehört oder nach Tübingen oder vielleicht nach Frankfurt, aber doch nicht in den Odenwald. Aber da sind wir jetzt gelandet. Und ich warte immer noch auf die Offenbarung, auf die Erkenntnis, wofür. Ralph Pechmann: Ich denke, die gewisse Distanz zum städtischen Leben brachte zumindest die unerwartete Chance hier mit sich, dass wir Tagungen machen konnten, die nicht sofort im Krach der Öffentlichkeit standen. Mit Verzögerung kam der Krach schon, aber nicht sofort. Das heißt, es gab hier einen Freiraum zu denken. Conny Geister: Ich finde das sehr inspirierend, auch als Erklärung, wie OJC sich verändert hat. Wir sind nämlich wirklich ein Ort geworden, wo Menschen, ich nenne es manchmal, zur Besinnung kommen. Also quasi aus ihrem eigenen hohen Tempo und Hektik aussteigen und etwas sehen können, mit dem sie dann verändert in ihren Alltag gehen. Angesprochen sein vom Geist Gottes, Veränderung, was uns ja immer noch ganz hilfreich erscheint. Ralph Pechmann: Die Fragen der persönlichen Auseinandersetzung sind in einer gewissen Weise grundsätzlicher geworden. Also nicht mehr nur für die Wirksamkeit, die ich morgen umsetzen möchte, sondern für eine Nachhaltigkeit, um in der Dynamik der momentanen Veränderungen und auch der Verluste an bestimmten Grundlagen, auf denen Leben bisher gesicherter gelebt werden konnte, dass diese Nachhaltigkeiten Gründe gebraucht wird. Der Anpassungsdruck mit unserer permanenten Erneuerung neuer Ideen, die wir integrieren in unseren Alltag, dieser Anpassungsdruck wirkt so rasant, nicht nur auf Intellektuelle, sondern auch auf die anderen, dass der Wunsch immer da ist, ich möchte eigentlich mit vorne dabei sein und nicht abgehängt bleiben. Und dieser Druck braucht eine andere Antwort von Christen, die eben darin besteht, dass man auch eine durch den Heiligen Geist gewachsene Dickhäutigkeit braucht. Und diese Herausforderung, die können wir hier anbieten. Silas Wolfsberger: Manches verändert sich, manches bleibt gleich. Maria Kaißling: Wir sind verwiesen auf die nächste Generation. Schüler, Studenten, das hat uns Gott zugewiesen. Silas Wolfsberger: Und eins steht fest, es gibt auch heute noch Bedarf für die OJC. Die Welt und die junge Generation brauchen ihre Botschaft nicht weniger als 1968. Friederike Klenk: Auf einer breiten Ebene glaube ich, dass die Frage der Unsicherheit, der Zukunft und damit immer diese Hoffnungslosigkeit, lohnt es sich noch, Kinder zu kriegen? Darf man das heute sogar noch? Ist es nicht Wahnsinn? In das einzusteigen und vom Evangelium her zu beantworten und zu zeigen? Elke Pechmann: Die Welt wird nicht untergehen, wird nicht aufhören, Saat und Ernte. Wir haben so viele Verheißungen, die für uns Christen natürlich maßgeblich sind. Also das ist mein Maßstab, nicht die Hoffnungslosigkeit oder die Wirtschaftskrisen oder die Inflationsrate oder der Ölstopp. Das ist nicht der Punkt, sondern die Verheißung Gottes, dass die Welt nicht untergehen wird. Maria Kaißling: Diese Lampenschirmgemeinschaft, die sollte gepflegt werden. Also statt Fernsehschirm, Lampenschirm, statt dein Futter aus dem Kühlschrank holen, eben miteinander am Tisch sitzen und auch miteinander Geschwisterlichkeit üben. Das ist sicher geblieben, weil heute gibt es mehr Leute, die keine Geschwister haben. Aber dieses Miteinanderreden einüben, dieses Aufeinanderhören, das ist alles nicht mehr selbstverständlich. Das war es vielleicht noch nicht, aber es ist noch weniger, als es früher war. Ralph Pechmann: Das Thema Einsamkeit, was jetzt in aller Munde ist, das zum Anlass zu nehmen, nicht nur die einzuladen, die als Christen uns das Schöne der Einsamkeit erzählen allein, sondern die Wirklichkeit, in der viele leiden. Und dann miteinander ringen und fragen, was ist denn eine lebbare Zukunft? Friederike Klenk: Am Ende, die Einsamkeit ist doch nur zu beantworten durch einen Freund, der immer da ist. Da kannst du viele Analysen machen, aber letztlich, die Antwort des Evangeliums muss einer aussprechen und sagen, ich sag euch was, da ist einer, der ist immer da. Maria Kaißling: Also ich wünsche mir eigentlich, dass die OJC als Gemeinschaft sich wieder mehr in dem Welthorizont verortet vorfindet. Dieses offene Ohr zu Gott und zu den Menschen hin, dass wir das vielleicht wieder mehr betont kriegen. Friederike Klenk: Ich hätte mir gewünscht, in der Zeit, als die letzte Generation dauernd das Thema war, jemand hätte die Fähigkeit gehabt, das aufzugreifen und zu sagen, Leute, wir laden euch ein, darüber zu diskutieren, ob ihr wirklich die letzte Generation seid. Mein Mann hat immer biblisch mit mir argumentiert darüber. Das ist ein Unsinn, hat er gesagt. Wir haben eine große Verheißung, dass das nicht die letzte Generation ist. Aber das muss jemand sagen, das muss man hinaustragen. Da muss man eine Tür aufmachen und sagen, wer stellt sich hin und sagt, ich lade euch ein, wir reden darüber. Elke Pechmann: Das haben wir immer gesagt, Horst Claus hätte sofort den Neubauer eingeladen. Sofort. Ralph Pechmann: Die Grundfrage des Evangeliums war immer, wie kommen wir zu der Humanität, die in den Augen Gottes eine ist, die wirklich friedenstiftend wirkt. Der Segen des Reiches Gottes, der Segen, dass es unter uns wahrhaftiger und liebevoller wird, das tritt immer mehr in den Hintergrund. Das ist für mich die Hausaufgabe. Was heißt das hier für uns vor Ort mit jungen Erwachsenen, mit solchen, die an diesen Fragen interessiert sind, darüber nachzudenken, sodass es im Grunde in die Gesellschaft hinausgetragen werden kann, einmal als persönlicher Veränderungsprozess, zum anderen als: Ich will nicht jeder neuen Idee hinterherrennen, als sei sie der rettende Gedanke. Friederike Klenk: OJC Offensiv sein heißt, die Hoffnung an dieser Stelle immer wieder neu verankern in sich und mit Verbündeten. Du kannst nämlich auf die Dauer nicht mit dir allein. Du brauchst ein paar Verbündete, mit denen zusammen du an dieser Hoffnung festhältst und darauf dein Leben gründest und sagst, zu der stehe ich. Ich stehe dazu, dass es diese Hoffnung gibt, mitten in einer Welt um dich rum, die das sehr bezweifelt. Silas Wolfsberger: Und das mit der Hoffnungslosigkeit kann sich die OJC angesichts ihrer eigenen Probleme in der Mitarbeiterfindung auch selbst predigen. Maria Kaißling: Dass wir nicht so in die Falle der Hoffnungslosigkeit gehen, ja sind ja keine Mitarbeiter da, kann man gar nichts machen. Wo Gott begabt und beruft, da gibt Er auch die Leute dazu. Die sind zwar dann oft anders, als man sich es vorgestellt hat, aber das ist ja dann seine Sache. Also ich bin in die OJC gekommen mit Fünf-Jahres-Plänen, weil ich dachte, mehr überblicke ich überhaupt nicht. Und ich habe dann halt immer meine Fünf-Jahres-Pläne verlängert. Aber wenn einer kommt und sagt, okay, jetzt die nächsten zehn Jahre mache ich hier mit, das ist ja schon mal was. Und man weiß ja nicht, was draus wird. Silas Wolfsberger: Ihr habt es gehört? Hoffnungsvolle Offensive sucht Mitarbeiter. Und liebe Maria, kannst du uns noch einmal in einem Satz sagen, welcher Geist es ist, der das alles hier zusammenhält? Nur damit wir wissen, worauf wir uns einlassen. Maria Kaißling: Naja, das ist jetzt ein bisschen eine rhetorische Frage. Klar, der Heilige Geist, der hat uns an gefährlichsten Klippen vorbeigeleitet. Also auch als wir beinahe alle auseinanderflogen, dass wir gesehen haben, der Zerbruch ist nicht zwangsläufig. Wir können Wege zueinander finden, um uns wieder zu vertrauen und zu verbünden. Und das ist ja ein Teil der Aufgabe des Heiligen Geistes, das Band des Friedens zu sein. Vor vielen Jahren gab es mal einen tollen Spiegeltitel, der hieß „Das Beständige ist nur die Trennung“. Ehen gehen auseinander, Freunde trennen sich, Parteien spalten sich und so weiter, überall. Und da sagt Jesus, bleibt in meiner Liebe, denn das ist das Verbindende. Wir können ganz unterschiedliche Vorstellungen haben, politisch oder philosophisch oder soziologisch oder sonst wie. Aber wir können uns immer in der Liebe Jesu treffen. Conny Geister: Er erweckt Leute und er ruft Leute auch in einen Dienst hinein. Also die kommen nicht, weil sie das Gemeinschaftsleben so toll finden, sondern weil sie spüren, hier werde ich gebraucht. Der ist von früher auf mittel- und junge Generation, der ist da. Maria Kaißling: In den sogenannten Abschiedsreden im Johannesevangelium sagt ja Jesus, was der Heilige Geist für eine Aufgabe hat. Unter anderem, er wird uns in alle Wahrheit führen. Er soll uns erinnern an das, was Jesus gelehrt hat. Und Paulus treibt es dann nochmal ein bisschen auf die Spitze, indem er sagt, seid gesinnt, wie Jesus auch war. Und das im Alltag miteinander immer wieder zu fragen, zu suchen, zu finden, auszuprobieren, das ist das, was die OJC immer wieder tut. Silas Wolfsberger: Ich bin einfach neugierig in diesem Beitrag gestartet und wollte ein paar schöne Geschichten aus der Geschichte hören. Aber das Lebenszeugnis dieser Menschen ist mehr. In ihm ist die Frage an uns verpackt: Was tun wir als junge Christen heute, um unsere Gesellschaft voranzubringen? Wo sind wir nicht die Rückwärtsgewandten, die einer modernen Wirklichkeit naiv, weltfremd und undifferenziert gegenüberstehen? Wie können wir zu denen werden, die die gute Botschaft nicht nur wissen, sondern zu einem befreienden Leben mit Jesus einladen? Können wir Menschen sein, die eine positive Antwort auf die Fragen unserer Zeit haben? Die Augen von Friederike, Conny, Maria, Elke und Ralph glänzen bis heute. Wodurch wird meine Nachfolge so inspirierend wie ihre? Wo sind wir, ansteckende, offensive Christen? Danke fürs Zuhören. Friederike Klenk: Offensiv sein heißt wirklich, aus der Hoffnung leben: Gott hat das letzte Wort. Und aus der Hoffnung leben: Gott will noch was. Und diese Welt ist noch lange nicht am Ende. Und selbst wenn sie am Ende bald sein wird, freuen wir uns. Weil dann wird die Hoffnung wenigstens erfüllt.